Wie Essstörungen dein Leben zerstören

Hallo,
mein Name ist Julia, und ich bin 24 Jahre alt. Ich hab diese Seite über Facebook gefunden und denke, dass das kein Zufall sein kann. Ich mache zurzeit eine sehr schwierige Phase in meinem Leben durch, und hier von anderen Schicksalen zu lesen, hat mich ermutigt mir paar Sachen von der Seele zu reden. Ich hoffe dadurch ein paar Sachen klarer sehen zu können, wenn ich sie mir dann unter den anderen Geschichten durchlesen kann, und dass ich dadurch vielleicht eine Sichtweise hineinbekomme, die etwas mehr objektiv ist und mir hilft das alles besser zu verarbeiten. Allgemein mal überhaupt etwas zu verarbeiten. Ich hab immer mehr das Gefühl, dass ich mein komplettes Leben alle Emotionen in mich hineingefressen habe. Was man in sich hineinfrisst, was sich in einen hineinfrisst, das kotzt man früher oder später auch wieder aus. Und nicht nur die Emotionen...

Aber ich versuche mal eine gewisse Struktur hier rein zu bringen, den Leuten, die das lesen, und die sich dann hoffentlich auch ermutigt fühlen, sich ihre Last von der Seele zu schreiben, es zu erleichtern mich zu verstehen, denn deswegen schreibe ich den Text, ich will mich endlich mal verstanden fühlen.

Also...
Die Gehirnwäsche begann bereits während des Übertritts von dem Kindergarten in die Grundschule, ich war ein etwas festeres Kind, was in dem Alter noch normal ist, eigentlich. Aber anscheinend war das meinen Eltern zu viel, denn schreiben gelernt habe ich nicht wie normale KInder, indem sie alltägliche Wörter immer und immer wieder widerholen, bis sie es können, sondern indem ich in ein schwarzes Notizbuch notiert habe, was ich denn an dem Tag gegessen hatte. Wenn ich mir diese Buch heute anschaue, sehe ich in  Kleinkindkrakelschrift Aufzeichnungen wie: Morgens, Brot und Marmelade.
 
In der Grundschule ging es dann weiter. Ich wurde zu einer Ärztin geschickt, welche mich regelmäßig wog und sich die Daten notierte. Bei Gewichtsabnahme wurde ich mit kleinen Spielzeugen belohnt und bei Zunahme gerügt. Auch von meinen Eltern. So meine lieben Freunde entsteht eine Essstörung, welche so tief sitzt, dass ich sie wahrscheinlich auch noch bis an mein Lebensende habe.


Ich spule jetzt einfach mal vor, als die Essstörungen dann wirklich ausgebrochen sind, beziehungsweise das Essverhalten, welches ich einfach nicht anders kannte, krasse Ausmaße annahm.In der 7. Klasse hatte ich mir angewohnt so gut wie nichts zu essen. Unter der Woche war das besonders krass, da ich durch ein von Kindesbeinen an verzerrtes Selbstbild nicht wirklich ein Sebstbewusstsein aufbauen konnte, und das durch das vermeintliche Stärkegefühl des leer-seins kompensierte. Die Leute, die sowas auch mal hatten, wissen, was ich damit meine. Erst wenn der Magen schmerzt weil er seit Tagen nichts als Wasser hatte fühlt man sich gut, fühlt man sich unbesiegbar. es ist wie eine Sucht. Heißt ja nicht umsonst Magersucht. 
Ana wird die ständige Begleiterin auch genannt, als wäre es eine Freundin, abgeleitet von Anorexia nervosa. Tolle Freundin, macht dass man immer weniger existiert, und damit meine ich nicht nur den Körper, sondern vor allem, das was dich ausmacht. Deswegen sind Essstörungen so toxisch, sie vernebeln dein Gehirn und überschreiben deine Gewohnheiten und Handlungen mit ihren, bis du Stück für Stück nicht mehr da bist. Einfach so, weg.

da der Körper überleben möchte, und sich sogar manchmal über den Geist hinweg setzt, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der erste Fresskick kommt. und das Gefühl von reinem Selbsthass danach, deswegen wird nach Wegen gesucht, das Essen wieder loszuwerden. In meinem damaligen Umfeld hatten einige meiner FReundinnen Essstörungen, nicht so lange und so krass wie ich, aber es hat gereicht, dass man sich austauschen konnte. Persönlich ist sowas immer schöner als in den ganzen Facebook Gruppen mit Leidensgenossinnen, das wird auch manhcmla mir zu heftig. auf jeden Fall habe ich so Mia kennengelernt. Da war ich in der 9 Klasse. Mia ist eine Bezeichnung für Bulimie, also die Ess-Brech-Sucht. und Mia ist meiner Mienung nach viel schlimmer als Ana. erstens siehst du es Leuten nicht zwingend an, dass sie Bulimie haben, da man durch diese Krankheit nicht wirklich abnimmt, da der Körper den Stoffwechsel auf ein Minimum runterfährt (was bei Magersucht auch der Fall ist, aber bei Mia sind die Wassereinlagerungen heftiger) und das Gesicht quillt durch das ganze Übergeben heftig auf. Durch den ganzen Mangel an Vitaminen etc, funktioniert das Gehirn nicht richtig, heißt man läuft die ganze Zeit im Zombiemodus rum, die Augen sind ähnlich tot. Mia ist ein absoluter Gefühlskiller, emotionslosigkeit ist vorprogrammiert. in diesem Modus FReundschaften aufzubauen oder auch nur zu halten ist sehr schwierig bis unmöglich. Ana und Mia bleiben da meist die einzige Gesellschaft, viel Glück bei der Genesung sag ich nur.

Durch diesen ganzen Mindfuck bin ich heute immer noch nicht in der Lage gesunde Beziehungen zu halten. Den Kontakt zu meiner Familie habe ich komplett abgebrochen, da ich meinen Eltern die Schuld gebe, dass ich so bin wie ich bin. Liebesbeziehungen sind von vornherinaus zum scheitern verurteilt, da man eine Person nur so viel lieben kann wie man sich selbst liebt, das weiß ich selbst. nur wissen heißt nicht, dass man daran was ändern kann. Ich hätte auch gern ein Baby, doch will das dem KInd nicht zumuten. Ich werde wohl alleine sterben, doch damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Es geht nicht nur um die Essstörung, ein aufgekratzter Hals geht vorbei, obwohl das mit der Magensäure sehr schmerzhaft sein kann. es geht darum dass man so nicht wirklich lebt und es auch nie getan hat.

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2849 vor einem Tag

Beste Julia, vielen Dank für deinen Mut und deine Offenheit. Es ist unglaublich, wie du es verstehst mit Worten eine Gefühlswelt auf zu zeigen, in die man sich hineinversetzen kann, auch ohne dass man je mit Essstörungen konfrontiert wurde. Dein Text erklärt sehr gut, was in deinem Kopf und wahrscheinlich auch in den Köpfen anderer, die an Essstörungen leiden, vorgeht. Nachvollziehbar und ehrlich. Es ist ein interessanter Gedankengang, dass der Körper überleben möchte und sich dann über den Geist hinwegsetzt. Sozusagen eine Ur-Überlebensfunktion, die kurz übernimmt. Auch worin genau die Sucht besteht, ist sicher vielen neu. Man denkt eigentlich, es ist die Sucht, schlank sein zu wollen. Aber bei dir ist es die Sucht nach innerer Stärke. Sucht kommt ja auch von suchen. Du suchst die Kraft in der Kontrolle über deinen Körper. Und du hast ja auch tatsächlich einen starken Widersacher: Deinen Überlebensinstinkt. Zum Glück. Es ist für mich wirklich eine sehr eindrucksvolle Geschichte, die einen einzigartigen Einblick liefert. Dass du sie Mia und Ana nennst, was vermutlich viele Leidensgenossinnen tun, ist fast so als wenn du sie, wie zwei Freundinnen, als ständige Weggefährten siehst. Nicht allein dadurch sind Essstörungen so gefährlich. Sie zählen unter den psychischen Leiden als die mit der höchsten Todesrate. Und du zeigst einfach auf wie tückisch es ist. Womit ich bei deinem zweiten Satz bin, wo du sagst, dass du gerade eine sehr schwierige Phase in deinem Leben durchmachen würdest. Darum bin ich erstmal froh, von dir zu hören. Denn es zeigt, dass du Wege suchst, diese Phase zu überwinden und das, was dir geschehen ist, zu verarbeiten. Ich hoffe, dass dir MenschenHerzen noch weiter hilft, vor allem wenn immer mehr Geschichten kommen. Wie du sagst, auf Dauer in spezifischen Gruppen über die Probleme zu lesen, kann heftig sein. Daher habe ich hier auch keine Kategorien. Alle Geschichten sind willkommen und wertvoll. Des einen Leid kann dem anderen helfen, das Sichtfeld zu vergrößern und den Horizont zu erweitern. Ich verspreche dir, die Seite weiter bekannt zu machen und stetig zu verbessern, damit du weißt, dass deine Gedanken hier ihre Wirkung entfalten können. Vielen Dank für deinen eindrucksvollen Text!