Ansichten eines Träumers

Ich glaube, es war richtig, dass ich nicht mit ihr geschlafen habe. Warum? Weiß auch nicht! Auch wenn man es vielleicht nicht für möglich halten möchte, aber ich gehöre tatsächlich zu der Sorte Mann, die es bei einer Verabredung mit einer Frau nicht nur darauf anlegen, mit ihr in die Kiste zu hüpfen. Nennt mich Lügner, Heuchler, was auch immer – es ist tatsächlich so! Wie die Verabredung gelaufen ist? Ziemlich toll, soweit ich das beurteilen kann. Ich hatte mich ja schon fast aufgegeben, mich lange in Selbstmitleid gesuhlt und allen möglichen Zweifeln an der Menschheit ergeben. Und alles natürlich nur wegen einer Frau, ja ja ja... Gut, ich bin vielleicht etwas übersensibel, was das Thema Frauen angeht, aber ich schweife ab. Jedenfalls bin ich wie so oft ziemlich lustlos und gelangweilt in der Stadt herumgeirrt und da sehe ich dieses entzückende Wesen, wie es sich mit seiner Freundin, in einer Kneipe sitzend, unterhält. Diese unheimlich elegante Bewegung, die sie immer macht, wenn sie wieder ausholt, um etwas zu sagen und diese graziösen Finger. Dieser Mensch muss ein unheimlich feinfühliger sein - denke ich jedenfalls mal. Doch dann, sie erblickt mich und ich starre sie weiterhin an, weiß im ersten Augenblick nicht wohin, um dann in eine Seitengasse zu flüchten. Ich Idiot!!! Wenn ich so zurückblicke, habe ich bisher eigentlich noch nie den Mut aufgebracht, eine Frau anzusprechen, immer waren es die Frauen, die auf mich zugegangen sind. Ach so, Mensch, beinahe hätte ich’s vergessen, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Sören Jesper Ingmarsson. Manch einer mag beim Erklingen dieses Namens vielleicht lachen, aber man kann sich seinen Namen nun mal nicht aussuchen und da meine Eltern vor vielen Jahren von Schweden nach Deutschland gezogen sind, haben sie sicherlich nicht daran gedacht, dass sich hier vielleicht irgendjemand an meinem Namen stören könnte. In Schweden ist Sören nämlich ein relativ geläufiger Name, aber gut, ich schweife schon wieder ab. Zurück zu dem unheimlich feinfühligen Wesen, das ich durch das Fenster einer Kneipe beobachten durfte. Ich beobachte eigentlich sehr gerne Menschen und dabei nicht nur Frauen, wohlgemerkt. Ich habe auch diese, ich möchte es mal Gabe nennen, mir Gesichter unheimlich gut merken zu können. Und das Gesicht dieses zarten Fräuleins habe ich mir geradezu verinnerlicht. Scheiße, eines habe ich ja noch gar nicht bedacht – was, wenn sie einen Freund hat?! Naja, dieses Risiko muss ich einfach mal eingehen. Wenn ich immer nur darauf warte, dass die Frauen einen Schritt auf mich zu machen, dann warte ich mich vielleicht irgendwann mal zu Tode. Ich habe mir wirklich fest vorgenommen, sie anzusprechen, wenn ich sie das nächste Mal sehe. Auch wenn mir bei dem Gedanken jetzt schon das Herz erheblich schneller schlägt. Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt, dass man mit seinem Leben ein Risiko eingehen sollte und in diesem Falle bin ich absolut bereit dazu. So langsam mache ich mich wieder auf den Heimweg, denn es ist schon ziemlich spät geworden und ich sollte bis morgen wenigstens ein paar grobe Melodievorschläge für einen Film eines Hochschulabsolventen ausgearbeitet haben. Die Idee des Films gefällt mir wirklich sehr gut, nur will mir zur Zeit absolut keine schöne und gleichzeitig originelle Melodie einfallen. Ich weiß ja nicht, inwieweit den Menschen in den Kinos die Filmmusik bewusst ist, aber es ähneln sich doch ziemlich viele Melodieabläufe und das bei teilweise völlig unterschiedlichen Filmen. Für mich ist die Musik in einem Film schon sehr wichtig, ja sogar so wichtig, dass sie auch ausschlaggebend dafür sein kann, ob ich einen Film im Endeffekt gut finde oder nicht. Klar, ich bin Musiker, für mich ist so was wichtig, aber ich bin dennoch der Ansicht, dass sich die meisten einfach mit zu wenig zufrieden geben. Vielleicht sind sie einfach auch nur dankbar dafür, dass sie einen Abend lang gut unterhalten worden sind, aber mir reicht das halt einfach nicht. Vielleicht sollte ich mal eine Art Umfrage machen und dieKinobesucher nach dem Film fragen, wie ihnen denn die Musik gefallen hat. Naja, ob das dann irgendwen interessiert?

Auf dem Heimweg dann habe ich nur noch die feinen Gesichtszüge meiner „unheimlichen Begegnung“ im Kopf. Ich glaube, in dem Fall kann wirklich von einer Art „unheimlichen Begegnung“ sprechen, denn mir passiert das wirklich nur äußerst selten, dass ich eine Frau sehe und sogleich von ihr fasziniert bin. Dieser Mensch hat einfach Ausstrahlung und ich denke, alleine um einen Augenblick dieser Art erleben zu dürfen, hat sich das Leben schon gelohnt. Falls es so was wie höhere Macht gibt, dann will ich jetzt tot umfallen! Bitte!!! Es gibt keine höhere Macht, dachte ich’s mir doch. Also ab nach Hause und ans Klavier, ich muss heute einfach noch was zustande bringen. Als ich am nächsten Tag aufwache, fühle ich mich irgendwie wie gerädert und krank. Eine schöne Melodie für den Film hatte ich auch noch nicht zustande gebracht, irgendwie geht grad nix! Ich mache mir erst mal einen Tee, um in die Gänge zu kommen und setze mich kurz ans Klavier, um ein bisschen herumzuklimpern und zack, da ist die Melodie, nach der ich gesucht hatte. Wie aus dem Nichts kam sie zu mir geflogen und hat sich meiner angenommen. Tja, so geht es mir oft. Gerade dann, wenn ich an nichts großartiges denke und ein bisschen spielen möchte, passieren die großartigsten Melodien oder Stücke! Und tatsächlich habe ich oft das Gefühl, dass in solchen Momenten die Musik einfach passiert! Es ist fast so, als würde man von irgendeiner Kraft geleitet und müsste sich ihr einfach nur hingeben. Das ist auch der Grund, weshalb ich vor Künstlern, die viel auf sich geben, keinen großen Respekt haben kann. Denn Kunst passiert vor allen Dingen. Man braucht sich überhaupt nichts darauf einbilden, was man geschaffen hat, denn ich denke, es ist eine Art höhere Kraft, die einen in solchen Momenten lenkt und deshalb hat man es nicht wirklich selbst geschaffen! Tja, so sieht’s aus! Aber zurück zu dem Mädchen. Ich habe es in der letzten Woche zweimal wiedergesehen und stellt euch vor, ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen! Wie idiotisch, oder? Kennt ihr das auch? Man sieht öfter einen Menschen, den man total interessant findet, Blicke begegnen sich, man findet sich wohl sympathisch, aber keiner traut sich, den anderen anzusprechen! Warum? Man kann es sich auch noch so fest vornehmen, aber wenn man dann tatsächlich in der Situation ist, sieht’s schon wieder ganz anders aus. Ich versuche, mir immer vorzustellen, ich hätte nur noch ein paar Tage zu leben, um dann Sachen machen zu können, die ich sonst vielleicht nie machen würde. Tatsächlich weiß ja keiner von uns, wie lange er noch zu leben hat, daher sollte man vielleicht öfter mal Dinge tun, die man sonst vielleicht nie tun würde! In den letzten paar Tagen hab ich sie leider überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr es mich ärgert, dass ich sie beim letzten Mal nicht angesprochen habe. Vielleicht hätten wir in der Zwischenzeit mal ins Kino gehen können, oder uns wenigstens mal auf einen Kaffee treffen. Naja, so hatte ich zwar viel Zeit, um Musik zu machen, aber das ist manchmal doch eine recht einsame Angelegenheit. Ich weiß zwar, dass sie Studentin ist und auch, an welcher Hochschule sie ist, aber irgendwie käme ich mir dabei komisch vor, sie an der Schule abzufangen. Andererseits denke ich mir manchmal, wieso eigentlich nicht. Eigentlich träumen wir doch alle manchmal von solchen, ich möchte doch sagen, besonderen Augenblicken. Wieso sie also nicht einfach mal auch tun? Weil man im realen Leben vielleicht doch etwas zu feige ist. Also, was machen? Entweder abwarten, bis ich sie das nächste Mal zufällig treffe, oder eben doch zu ihrer Uni gehen.

Vorherige Kommentare

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78 vor einem Tag

Hey Sören, cool, dass du wieder was geschrieben hast :) Es klingt schriftstellerisch, aber falls es doch Autobiographisch ist, würde es mich interessieren, wie es weiter geht :) Schreibe ruhig wieder, wenn es etwas Neues gibt. Danke für deine Geschichte :)

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77 vor einem Tag

Danke dir! Es ist teils autobiographisch und teils fiktiv...freut mich, dass du gern weiterlesen würdest. :)