Blog

Aggression: Körperliche und ve...

Super Admin | 14/11/2018

Aggression: Körperliche und verbale Gewalt verstehen und kontrollieren

Aggressive Handlungen verfolgen das Ziel, dem Gegenüber körperlichen oder psychischen Schaden zuzufügen. Obwohl auch ein offensives und direktes Auftreten umgangssprachlich als „aggressiv“ bezeichnet wird, handelt es sich dabei nicht um Aggression im eigentlichen Sinne – „aggressives Flirten“ ist ein Widerspruch in sich. Dennoch sind Streit und Gewalt in der Partnerschaft keine Seltenheit. Die richtige Kommunikation kann dann helfen, die Situation zu deeskalieren und gewaltfrei zu einer gemeinsamen Lösung in der Streitfrage zu gelangen.

 

 

Männer und Frauen: Nicht nur Schläge können schmerzen

 

Dass Männer eher körperlich gewalttätig sind als Frauen, lässt sich statistisch nachweisen. Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2016 nur 5,9 Prozent der Strafgefangenen in Deutschland weiblich. Von den 2.968 Fällen von Körperverletzung gingen 2.826 auf männliche Täter zurück.

 

Allerdings gibt es neben dieser körperlichen Gewalt noch weitere Aggressionsformen. Heute gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass Frauen nicht unbedingt weniger aggressiv sind als Männer, aber eher verbale statt körperliche Attacken anwenden (Aronson, Wilson & Akert, 2008). Einige Forscher finden sogar Hinweise darauf, dass Frauen genauso häufig körperliche Gewalt in der Partnerschaft ausüben wie Männer, obwohl die daraus folgenden Verletzungen deutlich geringer sind (Straus, 2009).

 

Psychische Gewalt verfolgt das Ziel, in einer anderen Person unangenehme Gedanken und Gefühle auszulösen. Wenn du an Streitgespräche denkst, die du mit anderen Personen geführt hast, fallen dir sicherlich persönliche Beispiele dazu ein. Möglicherweise hast du eine Person gezielt an einen Fehler erinnert, der bei ihr große Schuldgefühle hervorrief, – oder die andere Person hat ein Reizwort verwendet, von dem sie genau weiß, dass es dich wütend macht.

 

 

Macht Testosteron aggressiv?

 

Als Grund für die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wird oft Testosteron angeführt. In verschiedenen Studien reagierten Tiere, denen Testosteron verabreicht wurde, aggressiver als eine Kontrollgruppe (Archer, 1991). Bei Menschen zeigten sich die erwarteten Ergebnisse nicht immer, weshalb unklar ist, ob der Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggressivität wirklich eine Ursache-Wirkungs-Beziehung darstellt (Aronson, Wilson & Akert, 2008).

 

Der Zusammenhang scheint zumindest komplex zu sein. In einer Studie (Klinesmith, Kasser & McAndrews, 2006) wurde zunächst eine Speichelprobe von Versuchspersonen entnommen, um den Testosteronspiegel zu messen. Anschließend sollten sie sich 15 Minuten lang mit einer Waffe oder mit einem harmlosen Kinderspielzeug beschäftigen. Daraufhin gaben sie wieder eine Speichelprobe ab und sollten eine scharfe Sauce in ein Glas mit Wasser schütten, von dem sie glaubten, eine andere Person müsste es trinken.

 

Durch die Beschäftigung mit der Waffe stieg der Testosteronspiegel messbar an, während dieser Effekt in der Spielzeuggruppe ausblieb. Der Anstieg erklärte zumindest teilweise, wie viel scharfe Sauce die die Probanden einer anderen Person verabreichen wollten, was als aggressive Handlung interpretiert wurde. Ein Anstieg des Testosteronspiegels kann also auch eine Folge einer aggressionsfördernden Umgebung darstellen. Mit anderen Worten: Testosteron spielt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine wichtige Rolle bei Männern und Frauen, wenn es um Aggressivität geht, aber niemand ist der Sklave seiner Hormone.

 

Einige Faktoren, die mit einer erhöhten Aggressivität in Verbindung stehen, sind überraschend – Stau ist einer davon. Wenn in Los Angeles der Straßenverkehr nicht richtig fließt, verzeichnet die Polizei zehn Prozent mehr Fälle von häuslicher Gewalt (Beland & Brent, 2018).

 

 

Gibt es eine „gute Aggression“?

 

Wenn wir bei der psychologischen Definition von Aggression bleiben, die eine Schädigungsabsicht voraussetzt, dann gibt es wenige Situationen, in denen Gewalt als „gut“ bezeichnet werden kann. Die direkte Selbstverteidigung bei einem Angriff bildet jedoch eine Ausnahme: Um den Angreifer abzuwehren, kann es notwendig sein, ihm Schmerzen zuzufügen, ohne dass die Notwehr dadurch moralisch verwerflich wird.

 

Auch der Sport wird häufig als ein Beispiel für positive Aggression betrachtet. Allerdings kommt es auf die Sportart an – denn obwohl manche Fußballspieler „aggressiv“ spielen, wollen sie der gegnerischen Mannschaft in der Regel keine Verletzungen zufügen. In Sportarten mit direktem Körperkontakt wie American Football kann es allerdings durchaus ein Ziel von Abwehrspielern sein, ihren Gegnern im Rahmen der Spielregeln Schmerzen zuzufügen (Aronson, Wilson & Akert, 2008).

 

In diesem Fällen sprechen Psychologen von instrumenteller Aggression. Die Gewalt ist nur ein Mittel zum Zweck und nicht zwangsläufig mit Wut, Hass oder anderen Emotionen verbunden. Allerdings kann auch die instrumentelle Aggression fragwürdige Ziele verfolgen – zum Beispiel, wenn jemand in einer Beziehung den anderen durch gewalttätige Auseinandersetzungen systematisch unterdrückt und gefügig macht.

 

 

Aggressionsbereitschaft in der Partnerschaft

 

Körperliche Gewalt ist in Beziehungen für viele Menschen eine rote Linie. Wird diese überschritten, ist es für sie aus. Allerdings gibt es ebenfalls viele Menschen, die sich trotz schwerer körperlicher Gewalt nicht trennen.

 

Laut der Frauenberatung Erbach bleiben viele Gewaltopfer beim Täter, weil sie sich schämen oder sogar schuldig fühlen. Oft sehen sie keine andere Möglichkeit, als in der Beziehung zu bleiben, haben Angst um die gemeinsamen Kinder oder fühlen sich ganz einfach hilflos.

 

Die drei wichtigsten Gewaltgründe in Beziehungen sind (nach Straus, 2009):

 

  • Zwang/Nötigung

 

  • Wut

 

  • Bestrafung für (vermeintliches oder tatsächliches) Fehlverhalten

 

 

Deeskalation: Wie kannst du Beziehungsaggression verringern?

 

Der Aggressionsforscher Nolting (2008) betrachtet eine gute Gesprächsführung von beiden Beteiligten als besonders hilfreich, um aggressives Verhalten in der Partnerschaft zu reduzieren. Wichtig sei, auch bei Konflikten in der Ich-Form zu sprechen. Vorwürfe werden häufig in der Du-Form formuliert, was der Partner oft als Angriff versteht, den er entsprechend erwidert. So kann sich ein anfangs harmloser Streit leicht hochschaukeln.

 

Professor Nolting verweist außerdem darauf, wie wichtig es ist, offen an ein Gespräch heranzugehen, sich um eine konstruktive Grundhaltung zu bemühen und dem anderen aktiv zuzuhören. Streitgespräche benötigen gewissermaßen eine „Bremse“. Anstatt gleich zu kontern, kann es helfen, erst einmal zu überprüfen, ob du die Äußerung richtig verstanden hast, indem du das Gesagte in eigenen Worten zusammenfasst und im Zweifelsfall (ohne Vorwürfe!) nachfragst. In einer emotional aufgeladenen Situation ist das gar nicht so einfach, aber diese Fähigkeit lässt sich üben.

 

Viele Menschen, die gewaltbereit sind, ändern sich nicht von allein. Wenn du dich in einer solchen Beziehung befindest, solltest du deshalb gut abwägen, ob es sich noch lohnt, an deinem Partner festzuhalten. Die Bereitschaft, die eigenen Fehler zu erkennen und an ihnen zu arbeiten, ist eine Grundvoraussetzung, um die Aggressivität zu verringern (Nolting, 2008).

 

Noltings Methoden sind vor allem bei verbaler Aggressivität sinnvoll. Bei schwerer körperlicher Gewalt steht an erster Stelle, sich in Sicherheit zu bringen. Wer immer wieder die Beherrschung verliert und seinen Partner schlägt, sollte dringend an diesem Problem arbeiten – allein oder mithilfe eines Psychologen. Einige psychologische Beratungsstellen bieten spezielle Anti-Gewalt-Trainings an. Dabei geht es häufig darum, die sozialen Kompetenzen zu verbessern und die eigenen Gefühle angemessen zu verarbeiten.

 

 

Quellen

 

Archer, J. (1991). The influence of testosterone on human aggression. British journal of psychology, 82(1), 1–28.

 

Aronson, E., Wilson, T. D., & Akert, R. M. (2008). Sozialpsychologie (6. Auflage). München: Pearson Studium.

 

Beland, L. P., & Brent, D. A. (2018). Traffic and crime. Journal of Public Economics, 160, 96-116.

 

Klinesmith, J., Kasser, T., & McAndrew, F. T. (2006). Guns, testosterone, and aggression: an experimental test of a mediational hypothesis. Psychological science, 17(7), 568–571.

 

Nolting, H.-P. (2008). Lernfall Aggression. Wie sie entsteht – wie sie zu vermindern ist. Eine Einführung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

 

Straus, M. A. (2009). Why the Overwhelming Evidence on Partner Physical Violence by Women Has Not Been Perceived and Is Often Denied. Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma, 18, 1-19.