Mein Weg durch Russland als junger Kriegsgefangener

Guten Abend meine Damen und Herren,

ich möchte Ihnen heute Abend etwas über meinen Weg durch Rußland als Kriegsgefangener erzählen.

Zuerst möchte ich mich vorstellen: Mein Name ist Albert S., ich wurde im Juli 1926 in Hamburg geboren. Ich bin verheiratet und habe zwei prächtige Kinder, eine Tochter 36 und einen Sohn 31.

Nun zu der Rußlandgeschichte.

Im April 1942, ich war 15 Jahre alt, wurde ich zum Arbeitsdienst nach Kaisershof in Westpreußen gezogen. Bis Ende Sept. wurden wir hier vormilitarisch ausgebildet. Dann kamen die Werbegruppen Marine, Luftwaffe, Heer. Sie wollten uns alle.

Wir waren große, gesunde und kräftige Jungen. Als letzte kam die Gruppe der Waffen SS. Alles über 1.90m musste rechts raustreten und wurde eingezogen. Vorher konnten wir drei Monate nach Hause.

Im Januar 1943 mussten wir uns in Warschau zum Militärdienst melden. Bei der 8. Kavallerie, Division "Florian Geyer".

Wir wurden hier sehr hart zur Elitetruppe geformt. 3 Monate. Im April kamen wir zur Division nach Ungarn beu Budapest (Mohac). Im Juni ging es nach Rumänien an die Front.

Im Sept. wurde ich dann bei Mavashvarshalhelg verwundet. Ein Granatsplitter zurschlug mir das rechte Schienbein. Ein 2. Splitter schlug mir den großen Zeh des linken Fußes ab. Dieses geschah bei einem Melderitt. Wir mussten und zurück ziehen.

Uns lag hier die Stalingarde gegenüber, sie war eine tapfere und reelle Truppe. Dert Russe drängte mit einer großen Übermacht. Die verbündeten Italiener und Rumänen hielten ihre Stellungen nicht. Die Rumänen gingen einfach nach Hause.

Ich kam mit einem Lazarettzug über Budapest nach Wien ins Lazarett. Vor Budapest wurde unsder Operationswagen im Zug von Russischen Panzern zerschossen. Wir hatten wieder viele Tote.

In Budapest wurden die schwersten Fälle ausgeladen. 3 Tage später hatten Russische Budapest umstellt. Im Januar war ich wieder hergestellt und wurde der LAH zugeteilt. Sie war in der Tschechei bei Beneschau stationiert. Von hier aus wurden wir im Raum Breslau gegen Russen eingesetzt.

Es wurden wieder viele Nahkämpfe geführt. Unsere Truppe wurde stark reduziert. Im März wurden wir in Beneschau (Truppenübungsplatz) neu zusammengestellt.

Im April begann dann der Aufstand der Tschechen in Prag. Wir wurden sofort in Prag gegen den Aufstand eingesetzt. Es waren die schlimmsten Straßenkämpfe, die ich je mitgemacht hatte.

Am 8. Mai, wir hatten die Stadt gerade fest in der Hand, kam die Kapitulation. Wir mussten die Stadt bis um Mitternacht räumen. In der Prager Burg wurden diese Nacht viele Deutsche Soldaten bei lebendigem Leibe von Wlassowtruppen verbrannt. Wir konnten ihnen nicht helfen.

Auf dem Rückzug in Richtung Regensburg wurde ich, am 11. Mai bei Melin, wieder verwundet. Ein Granatsplitter schlug mir das rechte Knie kaputt. Man schiente mir das Bein mit Knüppeln.

Am 15. Mai hatten uns die Russenpanzer umstellt. Wir wurden gefangen genommen. Jetzt ging der Leidensweg erst richtig los.

Bis Dörlesheim in Österreich mussten wir maschieren, ca. 180Km. In der Nacht trieb man uns in Wasserteiche, um uns besser bewachen zu können. Viele Soldaten kamen hierbei um. Wer aus der Reihe ging wurde kurzerhand erschossen. Es gab keine ärztliche Versorgung. Auf 100 Leute bekamen wir 1 Sack Mehl pro Woche.

Von Dörlesheim wurden wir mit der Bahn, 100 Mann in einem Wagon, nach Fokciany transportiert. Hier mussten wir Wochenlang draußen auf einem Platz sitzen. Viele bekamen Hitzeschläge. Es brach die Ruhr aus, Typhus grassierte. Das Essen war miserabel.

Nachts mussten wir in 8 Stöckigen Holzpritschen schlafen. Man hatte in der Höhe 50cm Platz. Etliche Gestelle sind unter der Last zusammengebrochen.

Ich sollte hier als verwundeter Jugendlicher nach Hause geschickt werden. Die Wagen waren zu voll. Ich musste aussteigen und sollte in einem neu angekoppelten Wagen wieder einsteigen.

Eine Russische Ärztin kontrollierte hier nochmal. Als sie sah, dass ich bei der Waffen SS war, musste ich ins Lager zurück. Ich bin lange nicht so geschlagen worden wir auf diesem Weg.

Ende Sept. wurden wir dann in einen Transportzug gepfercht. Die Fahrt ging nach Moskau. Hier fiel der erste Schnee.

Wir mussten den Hungermarsch über den Roten Platz mitmachen. Auf der Fahrt gab es kaum etwas zu essen. In Moskau bekamen wir dickes, öliges Essen. Das förderte den Durchfall. Im Gehen mussten wir unsere Notdurft verrichten.

In Moskau steckten uns alte Mütterchen Essbares zu. Es waren nicht alle Menschen schlecht. Die Wagen wurden hier getrennt. Wir kamen mit 2 Wagen nach Omsk in Sibirien. Taiga. Eine stark bewaldete Ebene. Wir kamen hier Ende Okt. an.

In Omsk wurde ich am Knie von einem Ungarischen Professor operiert. Er hat es sehr gut gemacht. Eine Narkose oder Betäubung gab es nicht. Vier Mitgefangene hielten einen fest. Das Fenster wurde kurz geöffnet, das reichte. Draußen waren es über 50° minus. Der Frost sprengte Nachts etliche Bäume.

Nach der Genesung musste ich mit zum Holzkommando im Wald. Bei Lampenlicht und 50-60° minus mussten wir Bäume zerkleinern. Es waren viele Japaner mit im Lager. Es waren zähe Burschen. In Omsk bekamen wir 50g Brot, die Russen nur 400g. Ganz Sibirien war eine große Strafkolonie.

Im März, es war noch sehr kalt, wurden wir wieder in einen Wagen gepackt und die Reise ging nach Rustavie bei Tiflis im Kaukasus im Staate Georgien. Ende April (24.) kamen wir dort an. Die Hälfte war unterwegs gestorben.

Hier war es schon Frühling. Es war schon sehr warm, ca. 24-30°+. Es war gegen Omsk eine große Differenz. Wir mussten uns auf den Bahnsteig legen und wurden von einem Wasserwagen besprüht. Wir wurden ca. 3 Wochen bei niederen Arbeiten (Hof fegen, Baracken bauen) wieder hochgepeppelt. Danach ging es in Gruppen an schwerere Arbeiten. Betonwerk. Straßenbau. Bewässerungsgräben bauen. Kolchosen. Sägewerke. Industriewerke erstellen. Siemens Martin Öfen aufstellen. 80m Schornsteine erstellen. Arbeiten beim Brückenbau. Oberleitungen Elektro für die Haupteisenbahnlinie Baku Batum (vom Schwarzen Meer zum Kaspischen Meer) bauen.

Rustavi wurde in den Jahren das größte Wirtschaftscentrum der Sovietunion. Hier wurden auch tausende von Russischen Strafgefangenen Sakretschornis eingesetzt. Männer wie Frauen. Die Winter waren hier leichte zu ertragen. Es waren in etwa die Temp. wie hier in Süd-Afrika.

Ich war auf Grund meiner Fahrkenntnisse oft als Kraftfahrer eingesetzt. Ich erhielt einen Propas. Das ist ein Permit. Man kann sich damit 50km im Umkreis frei bewegen. Hierdurch hatte ich diverse Vorteile.

Die Verpflegung war im Lager immer different. Am Anfang des Monats gab es immer dicken Brei. Mitte des Monats dünne Suppe und am Ende des Monats nur noch bunte Wassersuppe. 3 mal täglich.

Dazu gab es einmal 650g Brot am Morgen. Es war gebackener Mehlbrei. Diese Menge gab es bis 100% Leistung. Über 100% erhielt man 1000g Brot.
Als Beispiel: für 3m² Kies sieben gab es 1000g Brot.

Zu den Baustellen mussten wir oft über 10km laufen. Es waren immer Gruppen von 20-40 Leuten. Im Tal der Kura waren 15 Lager a ca. 3000 außerdem gab es noch 4 Sakretschornielager ca. 16000 Russen.

In der Typhuszeit starben oft 10-20 Leute am Tag. Vom Lager aus konnte man im Nord-Ostenj den Kasbeck und den Elbrus ca. 3000 Meter sehen (im Kaukasus). Nach Süden sah man bei klarem Wetter den Ararat. Der Türkische Berg auf dem die Arche Noah gelandet sein soll. Bis zur Türkischen Grenze waren es etwa 150km.

Im Juli 1948 bin ich mit meinem ehemaligen Feldwebel Jule Glauschnik aus dem Lager geflohen. Wir wollten über die Türkische Grenze. Wir hatten es bis hinter Eriwan geschafft. Da verstauchte sich Jule den Fuß und konnte nicht mehr gehen. Ich bekam einen Malariaanfall. Es ging nicht mehr. Zivilisten griffen uns auf.

Wir bezahlten sie mit 3000 Rubel je aus. Sie ließen uns laufen, zeigten uns aber bei der Melice an. Wir wurden dann vom Militär aufgegriffen und ins Lager zurückgebracht.

Hier wurden wir unheimlich zusammengeschlagen. Jule hat man die Bauchspeicheldrüse verletzt. Er starb ca. 2 Monate später an den Folgen. Mir hat man die Zähne ausgeschlagen, den Unterkiefer 2x gebrochen 5 Rippen gebrochen. Wir waren beide grün + blau. Die Wachen die uns schlugen hatte man betrunken gemacht. Als sie wieder nüchtern waren entschuldigten sie sich bei uns.

Die Zähne sind davon nicht wieder nachgewachsen.

Wir wurden beide zu je 25 Jahren Straflager verurteilt. Es war das zweite mal, das man mich verurteilte. Ich hatte einen Russen, der mich beim Organisieren erwischte, zusammengeschlagen. Er sah nicht mehr gut aus. Das Gericht glaubte ihm mehr und so wurde ich das erste Mal zu 25 Jahren Sakretsch verurteilt. Ich würde also jetzt etwa entlassen. Ich hätte dann wohl etwas mehr Zeit gebraucht, um euch alles zu berichten.

Ich wurde jetzt stärker bewacht. Bei meinen Fahrten mit dem Krankenwagen wurden immer 2 Posten beigestellt. Wir waren inzwischen ein Spezialstraflager geworden. Es waren alle Waffen SS Leute aus dem Südteil Russlands hier zusammengezogen.

Im Okt 49 reifte bei uns der Gedanke an einen neuen Fluchtversuch. Im November wagte ich den Schritt mit meinem Freund Jup B.

Zu dieser Zeit fuhren schon viele Heimkehrerzüge in Richtung Norden nach Deutschland. Wir sind Nachts durch den Zaun und bis nach Tiflis per Anhalter und zu Fuß. Hier erwischten wir einen Transport. Die Kontrollen waren hier nicht so groß. Es ging von Station zu Station. Mehrmals wechselten wir die Transporte.

Anfang Dezember kamen wir an die Grenzstation zwischen Polen und Russland Brest-Litowsk. Hier sind wir durch die Toilettenfenster auf die polnische Seite gekommen. Durch Polen konnten wir nur Nachts weiterkommen. Einen großen Teil legten wir zu Fuß zurück.

Hinter Warschau erwischten wir wieder einen Transport mit dem wir auch über die Oder nach Frankfurt DDR kamen. Auf dem Transport waren Leute gestorben. Die Roten waren froh daß sie Ihre Stückzahlen aufstocken konnten.

In der DDR ging es schon erheblich leichter. Hier konnten wir uns wieder gut verständigen. Mit Personenzügen kamen wir bis Friedland. Hier mussten wir mit Trick 18 über die Grenze. Wir hatten vorher beobachtet, daß immer in 5. Reihe an die Amerikaner übergeben wurde.

Jeder Pleng bekam einen gelben Karton mit seinen Personaldaten vor die Brust. Wir fertigten uns diese Schilder selbst an.

Als unsere Reihe losmarschierte merkte das Kontrollpersonal das etwas nicht stimmte. Sie riefen Stoi.

Da fingen wir an zu laufen. Sie schossen hinter uns her, aber über die Köpfe, sonst hätten sie wohl Amerikaner auf der anderen Seite getroffen.

Auf der Westdeutschen Seite wurden wir gleich wieder eingesperrt - Einer der wegläuft hat was auf dem Kerbholz.

Wir erzählten den Amerikaner Secret-services unsere Geschichte. Danach wurden sie freundlicher. Sie fragten uns 3 Stunden lang über Russland aus. Nun bekamen wir einen Flüchtlingsschein und wurden von einem Privatmann (Kaufmann) nach Alfeld /L. gefahren.

Meine Heimatstadt.

Am Heiligen Abend 15:00 stand ich vor meinen Eltern. Ein nievergessbarer Augenblick. Die Freude wischte alle vorhergegangene Plage weg. Ich feierte mit meinem Freund Jup und meinen Eltern ein unvergessliches Weihnachtsfest.

Vorherige Kommentare

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70 vor einem Tag

Ich habe den Bürgerkrieg in Nordirland miterlebt, aber was Sie in Russland durchmachen mussten, ist nicht zu fassen!