Was bringt die Zukunft?

Nach 33-jähriger Abwesenheit wohne ich seit drei Monaten wieder in meiner Heimatstadt. In meiner Küche fehlt noch der Wasseranschluss und im Wohn- und Schlafzimmer fehlt Licht. Aber das wird schon noch. Der Umzug am 30.11.2018 von Georgsmarienhütte (im Osnabrücker Landkreis) zurück ins Rheinland erfolgte aus purer Notwendigkeit heraus und ungeplant. Am 1 November kam nämlich die Heimleitung des Seniorenheims, die mir im Herbst 2016 eine Altenwohnung vermietet hatte, zu mir und sagte, ich müsse ausziehen. Völlig geschockt suchte ich in den darauf folgenden Tagen nach einer barrierefreien Ersatz-Wohnung und fand glücklicherweise auch eine, nachdem ich meine Heimat-Gemeinde um Hilfe gebeten hatte.

Aber der Umzug nach Linz war nicht der einzige Schock, den ich zu überwinden hatte, denn zwei Jahre vorher hatte mich die Polizei in Rinteln aus der Wohnung meines Ex-Mannes herausholen müssen, da ich diese auf Grund meiner Geh-Behinderung nicht mehr selbstständig verlassen konnte und mein Ex-Mann mit Morddrohungen gegen alle möglichen Leute (und auch gegen mich) um sich warf.

Nein, ich will mit meiner Geschichte keine Herzen und auch keinen Mitleids-Preis, (den ich im Gewinnfall sowieso ans Sozialamt abtreten müsste). Was ich will, ist Aufmerksamkeit für die besch****** Situation, die Menschen mit Behinderungen immer noch erleben (müssen). Sei es die Arbeit in den Behindertenwerkstätten; den ganzen Tag lang in trostlosen, dunklen Hallen bei 180 - 200 Euro monatlich, wovon sie aber nur 80 Euro behalten dürfen, weil der Rest auf die Grundsicherung angerechnet wird. Den Gewinn, den die Menschen mit Behinderung in den Werkstätten erzielen, stecken sich die Wirtschaft und die Werkstattleiter in die eigenen Taschen. Eine Riesen-Ungerechtigkeit, die dringend beseitigt werden muss. Oder die täglichen Demütigungen und Kämpfe mit Krankenkassen und Behörden, das übergriffige Verhalten von Familienangehörigen und Betreuungs-Personen, oder der gezielte Ausschluss aus der Gesellschaft. Das alles kostet Energie, die man sinnvoller einsetzen könnte.

Aus diesem Grund habe ich vor einigen Tagen unseren Bürgermeister angeschrieben, ihm diese Sache erläutert, wobei ich auch etwas aus meinem eigenen Leben erzählt habe und nun fordere, dass es Verbesserungen für Menschen mit Behinderung geben soll. Diesen Bericht habe ich dem Bürgermeister zur Ansicht geschickt: https://www.bookrix.de/_ebook-christine-singh-inklusion-und-teilhabe-in-linz-am-rhein/ 
Der Gesprächstermin ist nächste Woche und ich bin mächtig gespannt, was dabei rauskommen wird.

Vorherige Kommentare

user profile image
219 vor einem Tag

Liebe Christine, ich habe selber GdB 70, war mal 80 aber irgendwer im Amt fand, dass ein Nervenausriss mit Lähmung nach 15 Jahren plötzlich besser geworden sei :P Ich war vor nicht mal 3 Wochen auf der Darts Weltmeisterschaft für Menschen mit Behinderung. Die Fahrt und Hotelübernachtungen, sowie die 11 Mitspieler hatte ich in den Wochen davor selber organisiert und kennen gelernt. Dabei habe ich auch zunehmend von der Ausbeutung in den Werkstätten gehört, denn ein Spieler "arbeitet" dort, trotz Realschulabschluss, "nur" weil er eine Behinderung hat. Ich meine, er könnte viel mehr - aber selbst wenn nicht, dieser Hungerlohn ist nicht akzeptabel. Das Hin und Her mit Krankenkassen ist ein absoluter Witz, das habe ich auch persönlich schon festgestellt. Ich verfolge zur Zeit auch mit Spannung die Kampagne von Lina´s Rolli´s e.V. (https://www.linasrollis.de/). Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde dein Erlebtes passt auf jeden Fall hier her und es klingt auch etwas durch, dass du selber in deinem Leben schon viel mitgemacht hast und trotzdem noch den Kampf aufnimmst, um es wenigstens für die, die nach dir kommen, zu ändern. Sich einfach mal auskotzen ist hier definitiv "erlaubt" :) Warum konnte die Heimleitung dich eigentlich einfach so rausschmeissen, das klingt für mich, als ob du da eigentlich dein Leben weiter verbringen wolltest? Danke für deinen Beitrag. Liebe Grüße, Simon

user profile image
218 vor einem Tag

Lieber Simon, Die Heimleitung konnte mich einfach so rausschmeißen, weil das Heim abgerissen und neu wieder aufgebaut werden soll. Die hatten auch keine Ersatz-Wohnung für mich. Wenn ich dort geblieben wäre, hätten die womöglich eine gerichtliche Betreuung für mich veranlasst, mir einen Heimplatz zugewiesen, der monatlich 2 000 Euro gekostet hätte, die ich nicht habe. Meine Kinder wären zur Kasse gebeten worden und ich hätte allenfalls noch darüber entscheiden können, ob ich Käse oder Wurst auf´s Frühstücksbrötchen haben will. Lieben Gruß an dich